Belagerungszustand

Die Vorfälle häufen sich, und es fällt mir schwer, an Zufall zu glauben. Tiere umzingeln unser Haus, wollen hinein, ans Essen, in die Wärme oder sind vielleicht einfach neugierig. Affe, Hauskatze und Ibisse arbeiten gemeinsam daran, unser Leben ein bisschen schwieriger zu machen, ein jedes nach seinen Talenten. Und mittlerweile bin ich sicher: Es ist ein Komplott.

Die Ibisse
Diese Vögel, etwas größer als das gemeine Haushuhn, haben einen langen Schnabel, den sie vorwiegend dazu verwenden, sehr laut zu plärren. Der Schrei des Ibis hat etwas von Rabengekrächze, erklingt aber langgezogener, lauter und leider viel öfter. Letztens schrie und hopste es stundenlang auf unserem Dach. Dann war das Fernsehen kaputt. Wir ließen einen Monteur kommen. Der kletterte hinauf, besah sich die Satellitenschüssel. Aus luftiger Höhe verkündete er, zwei Ibisse hätten sich darin ein Nest gebaut. Die anderen Ibisse, es sind zwischen 50 und 100, wohnen auf der kleinen Insel im nahegelegenen See. Wahrscheinlich träumt hin und wieder einer schlecht und quäkt im Schlaf, woraufhin alle aufwachen und mitten in der Nacht ein, zwei Minuten lang durcheinanderkreischen.

Die Hauskatze
Das graubraune Tier mit Tennissocken erschien im Dezember uneingeladen auf unserem Grundstück und wohnt seitdem dort. Es, das Katz, ich weiß nicht, ob Frau oder Mann, gehört zu den skurrilsten Lebewesen, die ich jemals kennengelernt habe. Es schreit und jammert viel und laut, aber nur dann, wenn es sich menschlicher Aufmerksamkeit gewiss ist. Unbeobachtet liegt es meist still im Gras oder in der Petersilie und lauscht seiner Verdauung.

Zuvor hat Katz sich an dem Essen sattgefuttert, das ich seit seinem Einzug täglich serviere. Das erste Futter fraß Katz mit Vergnügen, wandte sich jedoch eines Tages angewidert ab. Die zweite Futtermarke quittiert das Tier mit kurzem Schnuppern und einem traurigen Blick in meine Augen. Die dritte Marke wurde gar nicht erst berochen und die vierte endlich gequält gefressen: Ein Happen Futter, zum Wassernapf rennen, aufgeregt schlabbernd Nachspülen, dann wieder ein Happen Futter und so weiter.

Am Ende hatte ich acht Kilogramm Katzenfutter von vier verschiedenen Herstellern, warf alles in einem Eimer und rührte um. Diesen Cocktail kredenzte ich mit letzter Verzweiflung und schwor mir, keinesfalls ein fünftes Futter zu kaufen. Katz fraß es ohne Murren. Das verstehe, wer will.

Frisst und verdaut Katz gerade nicht, rennt es mir nach, überholt mich, in dem es mir zwischen den Füßen hindurchwitscht, wirft sich einen Meter vor mir auf den Rücken, sodass ich fast darauf trete, wälzt sich wie irr im Staub, fuchtelt mit den Pfoten in der Luft herum und schaut mich weit aufgerissenen Augen an. Gehe ich weiter, wiederholt sich das Spiel solange, bis ich mich hinunterbeuge und Katz am Bauch kraule. Dabei zähle ich gleich die neuen Wunden, die es vermutlich von Kämpfen in der Nacht davongetragen hat.

Der Affe
Er ist der lebende Beweis für zwei Dinge, die ich bisher nicht für wahr hielt. Erstens lieben Affen wirklich Bananen, nur Bananen, ausschließlich Bananen, nichts anderes, keine Äpfel, keine Birnen, weder Tomaten, noch Ananas, Mango, Papaya, Erdbeeren, Rhabarber, auch kein Müsli, Brot, Käse, Salat oder sonst irgendetwas. Sie sind absolut überzeugte Bananenfetischisten. Gäbe es ein Playboy-Magazin für Affen, das Centerfold zeigte sicherlich das Bild einer Banane mit weit herunter gelassener Schale.

Zweitens, und das ist eine für Feministinnen unangenehme Wahrheit, haben Affen keinerlei Respekt vor Frauen, ich meine jetzt menschliche Frauen. Schon in Ghana hatten uns Einheimische erzählt, dass zwar ein zehnjähriger Junge aufdringliche Affen verscheuchen kann, nicht aber eine ausgewachsene Frau. Wir wollten es erst nicht glauben. Jetzt wissen wir es.

Dieser spezielle Affe taucht irgendwann bei uns auf, klettert auf Dächer und Bäume, benimmt sich affenhaft possierlich und sorgt für Heiterkeit unter uns Beobachtern. Später stellen wir fest, dass all dies eine geschickt getarnte Kundschaftermission gewesen ist. Wir erwischen ihn, wie er an den Gittern vor dem Küchenfenster hängt und hineinschaut. In der Küche, in der Obstschale, liegen Bananen. Der Heilige Gral! Für den Affen ist klar, was zu tun ist: Ein Affe, eine Banane, eine Mission.

Eines Tages lässt die Putzfrau die Küchentüre offen. Der Affe rennt hinein, kommt mit den Bananen unterm Arm wieder heraus. Er springt auf den nächsten Baum, setzt sich auf einen Ast, frisst die Früchte und lässt die Schalen wie zum Hohn auf uns herabregnen. Wir werfen Steine, er weiß, es ist zu hoch und macht sich kaum die Mühe, auszuweichen. Ein anderes Mal zwängt er sich durch die Gitter vor dem Küchenfenster, steigt, ohne etwas zu zerbrechen, über einen Berg von Geschirr, räumt Äpfel und Birnen beiseite und macht sich mit den Bananen davon.

Ein paar Tage später sitze ich in meinem Arbeitszimmer, ich höre Geschrei. Schaue vom Computerbildschirm auf, gerade rechtzeitig, um die Putzfrau kreischend am Fenster vorbeirennen zu sehen. Der Affe ist hinter ihr her. Sie ist groß und kräftig, der Affe klein und schmächtig, doch weicht er nicht vor ihr zurück, und sie will nicht gebissen werden. Abends erzähle ich E. von der Attacke und sehe gleich die Zornfalte zwischen den Augen schwellen. „So nicht“, sagt sie grimmig, und ich fühle 30 Jahre Frauenbewegung in Wallung geraten. Der solle ihr mal in die Quere kommen. Dem würde sie es zeigen. Armer Affe, denke ich.

Wir bewaffnen uns. Der Wächter schnitzt aus festem Bambus einen Stock, der beim Schwingen ein pfeifendes Geräusch macht. Ist Affenbesuch da, gehe ich vor die Türe und schwinge den Stock. Es pfeift, der Affe haut ab und flieht auf den nächsten Baum.

Ein paar Tage später, ich bin auf Reisen, ruft E. mich an, stinksauer. Gerade sitzt sie beim Frühstück auf der Terrasse, da erscheint der Affe. Gut vorbereitet, ergreift sie den bereitstehenden Stock und schwingt ihn pfeifend. Doch der Affe flieht nicht, sondern rennt auf sie zu. Daraufhin rennt sie ihrerseits ins Wohnzimmer und zieht die Türe zu. Der Affe setzt sich auf den Tisch, schnuppert am Marmeladenbrot und lässt es lustlos fallen. Zu blöd, es ist keine Bananenmarmelade.

Taktische Analyse
Die Ibisse halten uns durch Geschrei nachts wach, machen uns müde und senken unsere Reaktionsgeschwindigkeit. Sie sabotieren die Fernmeldetechnik und besorgen außerdem die Luftüberwachung.

Katz erschleicht sich durch gepflegtes Äußeres und klagende Appelle an unsere Hilfsbereitschaft, unsere Sympathie, unser Mitgefühl für Katzen im Speziellen und für Tiere im Allgemeinen. Oft sitzt sie am Gitter vor der Küchentüre, schaut hinein und jammert. Hunger, sollen wir denken. Tatsächlich aber observiert sie die Lage und weiß immer genau, was wir im Haus haben.

Sowohl mit den Ibissen wie auch mit dem Affen scheint Katz gut Freund zu sein. Mit beiden habe ich sie schon im Garten zusammensitzen sehen. Das ist verdächtig und riecht nach Kollaboration. Der Affe ist dank überlegenen Primatenhirns der Rädelsführer.

Gegenmaßnahmen
Was nun? Die erste Idee war, das Gitter vor dem Fenster unter Strom zu setzen. Das haben wir dann doch gelassen. Wir wollen den Affen ja nicht umbringen. Außerdem könnte jemand anders aus Versehen daran kommen. Die zweite Idee war, alle Bäume abzusägen, doch dazu sind uns die Bäume zu schade. Die dritte Idee war der Stock, dessen Wirkung aber zu sehr vom Geschlecht dessen abhängt, der ihn anwendet. Die vierte Idee kommt von unserem Tagwächter, der sagte, er hätte schon einmal Bananen mit Chili präpariert. Die Affen seien danach nie wieder gekommen. Das schien uns aber auch recht brutal. Die fünfte Idee setze ich gerade um. Habe im Onlinehandel eine Sportschleuder bestellt und dazu 100 gelbe Farbkugeln. Wollen doch mal sehen, wie es dem Affen gefällt, zwar ohne Bananen, aber mit schmerzendem Hintern und farbigem Fell nachhause zu kommen. Vielleicht sagt seine Affenfrau dann, wo hast Du Dich denn wieder herumgetrieben, und greift zum Stock. Ich hoffe, es pfeift dann ordentlich.

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