Slalomschlafen

Endlich! Mein erster selbsterfundener Zungenbrecher. Ist vor mir noch keiner draufgekommen: Slalomschlafen*. Es soll die Art und Weise bezeichnen wie Eltern, denen es aus noch zu erläuternden Gründen an Erholung mangelt – im konkreten Fall an Schlaf – diesen nachholen. Wir erreichen das zurzeit durch geschicktes Ausnutzen der kleinkindlichen Aufmerksamtkeitsspanne. Anders geht’s nicht. Einsicht ist der Zweijährigen leider fremd. Aber so was von.

Eines Morgens fuhr ich die kleine B. in den Kindergarten. Sie war fröhlich, und während wir „Was müssen das für Bäume sein…“ sangen, hörte ich ein leichtes Hüsteln zwischen den Zeilen. Als ich sie ein paar Stunden später wieder abholte, war sie nur noch halb so fröhlich und hatte einen heißen Kopf. „Allo Babaaa“, näselte sie und hustete mir kraftvoll ins Gesicht.

Einen Besuch beim Arzt später wusste ich, dass B. 39,5 Grad Fieber hatte und nicht nur Bettruhe, sondern auch drei verschiedene Medikamente brauchte. Zum Abschied drückte mir der Arzt noch eine kleine Spritze in die Hand. Ob ich ihr denn Injektionen verabreichen müsse, fragte ich leicht angegruselt. Er schüttelte den Kopf und sagte nur, ich würde schon noch sehen wofür ich die brauchte.

Wenn ich selbst 38 Grad Fieber habe, liege ich im Bett. Ein halbes Grad mehr und E. muss mir von früh bis spät Trost und Mut spenden. Bei 39 rufe ich nach einem Priester, und darüber gibt es nur noch Halluzinationen in freundlichen Pastelltönen. B. hingegen war ziemlich gut drauf. So gut, dass die ersten Versuche, ihr fiebersenkende und schleimlösende Mittel zu verabreichen, scheiterten.

Die erste Ladung ging auf die niedliche Strickjacke, die eine der zukünftigen deutschen Omas gestrickt hatte, die zweite mir ins Gesicht. Immerhin konnte ich jetzt meine eben dahingesäuselte Notlüge – „das schmeckt doch gar nicht so schlecht, Du wirst sehen!“ – persönlich einem Test unterziehen. Der Sirup war wirklich nicht so übel. Aber es half nichts. Einsicht ist einer Zweijährigen ja fremd. Aber so was von.

Irgendwann klickte es: der mysteriöse Tipp des kenianischen Daktari. Also die Spritze (natürlich ohne Nadel, bitte sehr!) mit Sirup aufgezogen, die kleine B. durch eine spontane Kasperei zum Lachen bringen, Spritze in offenen Mund, Überraschungsmoment nutzen und abdrücken. B. dankte es mir jetzt und auch die folgenden Male mit Kreischen. Dennoch hatte die Behandlung Erfolg. Ein paar Tage später war sie gesund – und wir krank.

Wenn ich krank bin, lege ich mich ins Bett. So war das schon immer gewesen. Doch die Zeiten ändern sich. Lauter Einspruch erklang aus einer Höhe von etwa 82 Zentimetern über Normalnull. B. wollte das nicht. Warum auch. Sie war gesund. Ihr war langweilig. Sie wollte Action. Die Diskussion erinnerte mich irgendwie an die Verhandlungen EU-Griechenland. Auch hier war Einsicht ja Fehlanzeige. Aber so was von.

„Lego spielen!“

„Aber Babaa ist müde.“

„Neeiinn!“

„Babaa ist krank, muss schlafen.“

“Neeeeiiiinnnn!“

„Will B. vielleicht alleine Lego spielen?“

„Neeeeeeiiiiiiiinnnnnnn!“

Und so weiter.

Noch immer von der Krankheit geschwächt, machte B. vor dem Mittagessen ein außerplanmäßiges Nickerchen. Ich sofort auch. 25 Minuten gewonnen. Dann spielte sie mit Collins, unserem Tagwächter, draußen im Sandkasten. 17 Minuten. Nach dem Essen ging sie mit Rose, der Putzfrau, drei Mal ums Haus und schaute sich die Blumen an: 12 Minuten. Ihr Mittagsschlaf verschaffte mir 1 Stunde, während der ich mich röchelnd und schlaflos auf dem Sofa wälzte. Danach, in der Nachmittagssonne, saß sie mit Collins am See und warf Steinchen hinein: 9 Minuten. Dann kam E. nachhause, die mittlerweile auch krank war. Hustend und niesend baute sie mit B. ein Haus aus Holzklötzchen: 18 Minuten.

Der Erkältungsvirus fand das super. Er breitete sich ungehindert aus. Als ihm langweilig wurde, lud es seine Kumpels, die Bakterien, ein. Alle gemeinsam feierten einen Mega-Rave erst in unseren Nasennebenhöhlen, dann in E.s Magen und in meinen Stirnhöhlen. Wir schleppten uns schnaufend durchs Haus, B. immer auf unseren Fersen. Kichernd sagte sie ihr Mantra auf: Kinder, Kindergarten, Essen, Banane, Wasser (damit meint sie den See), Katze gucken, Malen (mit Babaa am Schreibtisch), spielen – und dann wieder von vorne bis in alle gefühlte Ewigkeit.

Wird versuchten es noch einmal mit Verständnis.

„Mamaa und Babaa sind krank. Müssen schlafen.“

„Nnneeeeiiiiiiinnnnnnnnnnnn!!!“

Seitdem teilen E. und ich uns die Goldmedaille im Slalomschlafen.

* Habe erst gegoogelt, nachdem ich fertiggeschrieben hatte und dabei festgestellt: Slalomschlafen gibt es doch schon und bezeichnet die beim Schlafen mit mehreren Katzen im Bett notwendige Verkrümmung des Körpers. Davon distanziere ich mich hiermit ausdrücklich.

Grüße vom Turbo-Daddy…

…oder: Warum ist es in diesem Blog so still. Der linke Schatten auf dem Bild, das bin ich. Und der rechte, dessen Händchen mit etwas Mühe in meine Hand greift – das ist der Grund fürs lange Schweigen. Weil er, der kleine Schatten, mich hier zum Beispiel eines Morgens um kurz nach Sechs zu einem Spaziergang überredet hat. Mit leerem Magen, aber voller Hose, also, natürlich nicht ich. Um diese Zeit döse ich üblicherweise noch! Doch das ist dem kleinen Schatten völlig schnurz.

Der kleine Schatten da rechts von mir ist ein kleines kenianisches Mädchen. Sie hält uns seit Januar Tag und Nacht auf Trab. Erst mussten wir mit vielen Besuchen in einem Kinderheim in Nairobi ihr Herz gewinnen. Dann mussten wir ihr, die noch nicht viel versteht und wenig spricht, irgendwie erklären, dass es gemeinsam mit uns mindestens so schön ist, wie im Heim mit den vielen anderen kleinen Freunden. Ich glaube, sie hat’s verstanden.

So sind wir Mitte März von einem auf den anderen Tag Eltern einer knapp Zweijährigen geworden. Statt Cappuccino schlürfen, heißt es jetzt Windeln wechseln. Wir haben hier die Wahl zwischen den Marken Bebe, Huggies, Bouncies und Pampers. Huggies sind meine Favoriten. Auch müssen wir herausfinden, was das Menschlein mit den kleinen Zähnen und dem großem Hunger gerne isst. Zwischenfazit: alles von Fischstäbchen, über Ugali bis Matapa. Und in der täglichen Spielgruppe habe ich einen ganz neuen Karrieresprung getan: ich bin jetzt Hüpfburg.

Weil die Kleine sich mittlerweile wieder an einen Mittagsschlaf gewöhnt hat und auch abends gerne gegen acht Uhr ins Bettchen geht, ist nun wieder Zeit für anderes übrig, bloggen zum Beispiel. Mal sehen, ob sie mich lässt.

Bis demnächst!

Grüße vom Turbo-Daddy
(oder wie es die Kleine sagt: „Babaa“ mit ganz weichen Bs und einem singendem Doppel-A am Schluss)

Wäre ich von Adel…

…dann wäre dies mein Wappen: „Muße mit Würde“ (Cicero, De Oratore I).

Dieses Bild dokumentiert die Rückkehr unserer Katze in ihr Körbchen, das sie vor einigen Wochen zu verschmähen begann. Erst der Hinweis unseres Wächters Collins, das Polster sei mittlerweile durchgelegen und daher zu hart, brachte mich auf die richtige Spur. Mit etwas himmelblauem Schaumstoff ausstaffiert (unten rechts zu erkennen), wurde das Körbchen wieder zur ersten Wahl des anspruchsvollen Katzenhinterns. Katze geht dort nun mit neuem Engagement ihrer Lieblingstätigkeit nach.

Was ist das?

Ein kenianischer Astronaut nach der Landung im See? Die Ebola-Patrouille, die schon vor dem Frühstück vorbeischaut? Oder der Nachbar, der seinen eigenen Honig produzieren will und deshalb einen Bienenstock auf der kleinen Insel im Hintergrund aufgestellt hat?

Die Sache mit dem Astronauten ist übrigens gar nicht so abwegig. Seit den 60er Jahren besteht vor der kenianischen Küste ein Raketenstartplatz (auf einer alten Ölbohrplattform), von dem immerhin auch schon ein echter Satellit ins All geschossen wurde.

Deutschland hat was gegen mich (mit Hinweis auf die Buchmesse)

Live von der Unfallstelle: Normalerweise lege ich das letzte Stück der Reise von Nairobi in meine kleine schwäbische Heimatstadt per Bahn zurück. Da es aber bei meinen jüngsten Besuchen sehr regelmäßig zu Pannen kam, wenn man das so nennen darf, meistens durch Selbstmörder, einmal auch durch Ausfall des Triebwagens, dauerte die Fahrt oft fünf statt zwei Stunden. Als ich nun las, dass die Bahn zu allem Überfluss auch noch streiken will, hatte ich die Nase endgültig voll und mietete in vorauseilender Paranoia ein Auto. Der Flug über Amsterdam war pünktlich, der Leihwagen am Frankfurter Flughafen startklar, ich brauste los, und alles war gut, bis kurz vor dem Kreuz Walldorf bei Mannheim die Autos vor mir immer langsamer wurden und schließlich stehen blieben.

Dort stehe ich nun seit eineinhalb Stunden und fange an, die Sache mit diesen ständigen Verkehrsinfarkten persönlich zu nehmen. Ich weiß nicht genau, was los ist, aber in der Zwischenzeit sind mindestens fünf große Feuerwehrwagen, ebenso viele Krankenwagen, dazu kleinere Notarztwagen, Einsatzwagen der Polizei und eigenartige Zivilfahrzeuge mit gelbem Blinklicht auf dem Dach durch die Gasse an mir vorbeigefahren, die wir alle brav eingeräumt haben. Jetzt mittlerweile auch größere Räumfahrzeuge. Das Radio sagt, die Räumungsarbeiten könnten dauern, und wer sich hier auskenne, solle die Gegend doch bitte weiträumig, nein, es hörte sich eher so an „WEEIIITRÄUMIG!!!“ umfahren. Der Sprecher klang dabei wie der Herr, der für das „SEEEEIIITENBACHER“-Müsli Werbung macht.

Durch meine Erfahrungen mit Unfällen in Kenia habe ich mittlerweile eine Riesenportion Geduld und vertreibe mir locker die Zeit zum Beispiel mit Bloggen. Nur ein Problem beschäftigt mein Gewissen. Da ich nichts zu essen dabei habe, frage ich mich: Darf ich die Schachtel mit belgischen Pralinen anbrechen, die ich für meine Eltern am Flughafen in Amsterdam gekauft habe? Glücklicherweise habe ich davon Abstand genommen, eine Flasche Whisky mitzunehmen, denn zu trinken habe ich auch nichts im Auto.

PS und bei dieser Gelegenheit: Ich stelle das „Damenprogramm“ auf der Buchmesse vor. Am Samstag, 11.Oktober 2014, von 15.-15.30 Uhr sogar mit Moderation durch einen echten Literaturprofessor. Zu sehen am Stand von DroemerKnaur. Ich werde aber auch sonst dort sein, von Freitag bis Sonntag mehr oder weniger ganztägig. Falls ich es mit dem Auto oder welchem Verkehrsmittel auch immer zurück nach Frankfurt schaffen sollte.