Einfach ein bisschen Geld (2)

Ich muss also ins Gericht. Großes Bedauern auf allen Seiten. Die Expats, denen das noch nie passiert ist, gucken etwas unsicher. Die Kenianer, die das schon kennen, sagen entweder “pole sana”, was so etwas wie “Entschuldigung” oder “kuwa pole”, was “ganz ruhig bleiben” heißt. Das sei keine große Sache. Bin aber doch aufgeregt. Der Gerichtstermin ist laut dem Polizisten für acht Uhr angesetzt. Vorher ist aber noch eine Menge zu tun.

Die erste Idee ist, noch einmal zu Polizeistation zu fahren, um zu schauen, ob der Fall schon dem Gericht übergeben wurde. Eventuell, rät ein Wohlmeinender, könnte man den dortigen Polizeichef noch davon überzeugen, dass die Sache den ganzen Aufwand nicht wert ist. Ich lasse mich hinfahren. Der Fahrer rennt hinein, kommt wieder heraus. Das Dokument ist schon auf dem Weg.

Nächste Idee ist, mit dem Gerichtsdiener zu sprechen. Vielleicht lässt der sich davon überzeugen, die ganze Sache zu vergessen. Fahren zum Gericht. Muss meine Tasche durch einen Röntgenapparat schieben. Am Bildschirm sitzt aber keiner. Wir suchen den Gerichtsdiener in seinem Büro auf und tragen unser Anliegen vor. Das könne er nicht, sagt er, er könnte mir aber ein Menge Zeit sparen und an meiner Stelle die Anklage akzeptieren.

Das hört sich ja erst einmal gut an. Dann frage ich, was in diesem Fall mit meiner Kaution geschehe, die ich gestern bei der Polizei bezahlt habe. Ein Teil davon würde ja als Strafe abgezogen. Und der andere Teil? Na, den würde er natürlich behalten. Schließlich hätte er mir geholfen.

Toll. Wie man sich mit einem bisschen Geld das Leben viel einfacher machen kann. Aber ich habe schon gestern ein bisschen Geld nicht hergegeben. Also werde ich es auch heute nicht tun. So kurz vor dem Ziel. Das teile ich dem Gerichtsdiener mit, der daraufhin wortlos in seinem Büro verschwindet.

Der Fahrer und ich laufen Richtung Gerichtssaal. Das Gebäude ist riesig und hat beste Qualität. Die Außenmauern sind alt, innen aber ist alles neu. Die holzgetäfelten Wände glänzen, der Boden aus Steinplatten schimmert angenehm, die schweren Holzmöbel strahlen Ruhe aus. Es herrscht eine ruhige, fast kirchliche Atmosphäre. Die Leute verbeugen sich, bevor sie den Saal betreten, auch wenn gar niemand drinnen ist.

Im Gerichtssaal Nr. 7 sitzen schon zwölf Leute, alles Männer. Frage den Fahrer, der mich heute begleitet, ob die Frauen sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Er sagt, die würden, wenn sie von der Polizei gestoppt werden, immer anfangen zu weinen. Würden vom schreienden Kind zuhause erzählen, von der kranken Mutter. Der Polizist würde das dann nach einer Weile nicht mehr aushalten (hält sich dabei demonstrativ die Ohren zu) und die Frau wegschicken.

Die Verhandlung sollte um acht Uhr beginnen. Jetzt ist es kurz vor Elf. Der Richter ist nicht da. Ich frage eine Art Wachhabenden. Der zuckt nur mit den Schultern. Könnte gleich losgehen, oder später. Weiß man nicht. Eine halbe Stunde später führen Polizisten plötzlich etwa 60 weitere Angeklagte in den Saal. Alle in Handschellen. Ich frage den Mann neben mir. Die konnten die Kaution nicht bezahlen. Deshalb waren sie im Gefängnis.

Es vergeht eine weitere halbe Stunde. Dann öffnet sich an der gegenüberliegenden Wand eine Türe. Der Wachtmeister klopft zweimal laut mit der Hand auf den Tisch. Alle erheben sich. Der Richter kommt. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug. Sagt kein Wort. Setzt sich hinter die etwas erhöhte Bank. Wir setzen uns auch wieder.

Vor ihm steht ein ebenfalls graubeanzugter Herr auf und beginnt Namen zu verlesen. Die Genannten erheben sich und sagen „Yes“ oder „Here“. Der mit dem grauen Anzug sagt etwas in Suaheli, dazwischen ein englisches Wort. Kann kein Suaheli. Für mich hört sich das so an: Bla bla bla bla Sicherheitsgurt bla bla bla. Dann sagt er noch etwas, das sich wie zweimal Kweli anhört mit einem anderen Wort in der Mitte. Heißt vermutlich „Wahr oder nicht?“. Alle, die sich gerade erhoben hatten, sagen im Chor: „Kweli“.

Versuche mir das vorsichtshalber zu merken. Für den Fall, dass er auch meinen Fall in Suaheli vorträgt. Schuldig bin ich ja sowieso. Also: Kweli. Es geht weiter: Bla bla bla bla Führerschein bla bla bla. Alle sagen Kweli. Dann: Bla bla bla bla Mobile bla bla bla. Telefonieren ist hier wie bei uns während des Steuerns verboten. Alle: Kweli. Endlich, diesmal für mich in Englisch, weil ich offenbar der einzige bin, der sich dieses Vergehens schuldig gemacht hat: „Fehlender Versicherungsaufkleber“.

Ich stehe bereits. Sage „wahr“. Setze mich wieder. Gerichtsdiener hinter mir zischt: Aufstehen. Schnelle wieder hoch. Habe vor lauter Suaheli nicht mitbekommen, dass im Anschluss auch immer das Strafmaß verkündet wird. Darauf muss ich stehend warten. In meinem Fall sind es 500 Shilling, etwa 4 Euro. Jetzt darf ich mich setzen.

Es ist 1 Uhr. Das Verfahren geht dem Ende entgegen. Der Wachtmeister klopft zweimal. Der Richter geht wortlos hinaus. Ein weiterer Wachtmeister kommt herein. Trägt ein paar sehr volle Plastiktüten in der Hand. Vielleicht Mittagessen, denke ich. Habe nicht gefrühstückt. Leider falsch.

Der Wachtmeister stellt sich vor einen Tisch und holt ein Handy nach dem anderen aus den Tüten. Die Angeklagten stürzen nach vorne und suchen sich ihre Telefone. Alle schalten sie gleichzeitig an. Der eben noch gediegene Gerichtssaal klingt wie Käfig voller durchgeknallter, elektronischer Vögel.

Ich werde an einen Tisch gerufen. Dort bezahle ich. Erhalte eine Quittung. Die trage ich in einen anderen Raum, wo ich meine Kaution wiederbekomme. Ein Raum voller Gerichtsdiener. Sie schauen sich meine Quittung an. „500 Shilling? You are lucky!“. Wieso das? Der Richter hatte wohl gute Laune. Es hätten auch 5000 oder 10000 Shilling sein können.

Freue mich, so billig davon gekommen zu sein. Freue mich aber noch mehr darüber, dass nicht der ganze, sondern nur der halbe Tag für den Prozess draufging. Freue mich am allermeisten, dass ich keinem auch nur das allerkleinste bisschen Geld gegeben habe. Außer der Kassiererin im Gerichtssaal. Aber dafür habe ich ja eine Quittung.

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