Feuerschein in der Nacht

Lieber Markus,

geht es Dir genauso: Wenn Du in Moskau bist, scheint Deutschland wie ein Traum von vorgestern, und wenn Du in Deutschland bist, ist es andersherum? Mir geht es jedenfalls so. In dem Moment, in dem ich Mitte Dezember in Frankfurt aus dem Flugzeug stieg, legte sich ein Schalter in meinem Kopf um.

Hier war ich wieder, als wäre ich nie fort gegangen. Die geographische Amnesie wäre komplett gewesen, hätte es nicht diese äußerst seltsamen Stunden vor unserem Abflug in Accra gegeben. Von denen will ich Dir jetzt – im beliebten Countdown-Stil der Actionfilme – erzählen. Es ist Samstag,…

07.10. Uhr
Erwachen mit dem guten Gefühl, alles bestens organisiert zu haben. Waren gestern Abend noch auf einer Kunstaustellung, haben letzte Geschenke für zuhause gekauft. Heute müssen wir nur noch Kofferpacken.

09.05 Uhr
E. holt zwei große Koffer und beginnt beide zu füllen. Ich sage so etwas wie, „also ich würde ja nur einen Koffer füllen und den anderen leer lassen, damit wir all die schönen Dinge aus Deutschland mitnehmen können“. Ernte daraufhin einen Blick und beschließe, mich in die Küche zu trollen und Kaffee zu machen.

09.37 Uhr
Der Strom fällt aus, und damit auch Klimaanlagen, Ventilatoren, Kühlschränke, Computer, Drucker, Internet usw.. Gehe in den Garten und schalte den Generator an, ein großer Dieselmotor, der das Haus wummernd wiederbelebt. Nach einer Weile klopft Tony, unser Tagwächter, an die Haustüre und meint, der Strom sei wieder da. Stimmt auch, jedenfalls zum Teil. Manches im Haus funktioniert, anderes nicht. Schalte den Generator wieder aus.

12.41 Uhr
Haben soweit fertig gepackt. Es ist nichts mehr zu tun. Ich koche schnell Reste weg, danach lümmeln wir auf der Terrasse herum.

17.15 Uhr
Fahren zum Early Checkin. Geben das Gepäck auf, sichern uns Plätze. Alles ist erledigt. Jetzt nur noch Warten.

18.20 Uhr
Es wird dunkel. Da etwa die Hälfte aller Lichter im und ums Haus nicht funktionieren, schalte ich den Generator wieder an. Setze mich noch einmal an den Computer für eine letzte Datensicherung.

19.33 Uhr
E. kommt vorbei und sagt, sie höre draußen Geschrei. Ich sage, das sei bestimmt beim Nachbarn und arbeite weiter. Fünf Minuten weist mich E. energisch daraufhin, dass das Geschrei in unserem Garten stattfindet. Bemerke, dass sie recht hat.

19.35 Uhr
Schnappe eine Taschenlampe und gehe hinaus um nachzusehen. Sehe wie Nicolas, der Nachtwächter, in seinem Wächterhäuschen gleich neben dem Tor steht und durchs Fenster auf die Straße brüllt. Frage ihn, was los sei. Er sagt, draußen stünden Leute, die böse seien und ihn zerstören wollten.

19.36 Uhr
Schaue durchs Fenster. Draußen stehen fünf Wächter aus den umliegenden Häusern. Alle tragen die Phantasie-Uniformen verschiedenen Wachfirmen. Es sieht aus wie am Vorabend von Waterloo. Sie hätten bei uns Geschrei gehört und wollten nachschauen.

19.37 Uhr
Frage Nicolas. Es folgt eine längere Erklärung, aus der ich schließe, dass a) der Gärtner auf dem Grundstück ist, obwohl er nur Montag bis Donnerstag hier sein sollte, dass b) das Wächterhäuschen dunkel ist (der partielle Stromausfall) und dass c) dunkle Mächte gegen ihn am Werk wären, wofür vor allem die Dunkelheit in seinem Häuschen ein Indiz sei.

19.38 Uhr (noch drei Stunden bis Checkin)
E. klärt Problem a) indem sie den Gärtner vor die Tür setzt. Währenddessen widme ich mich Problem b) und c) und erkläre Nicolas, dass es mit dem Stromausfall schon seine Ordnung hätte. In den vergangenen Tagen hatte die ghanaische Elektrizitätsgesellschaft tagsüber an den Leitungen gebastelt. Heize damit leider seine Verschwörungstheorie nur an. Nun sind auch die Elektriker Teil der dunklen Mächte, die ein perfides Komplott schmieden.

19.44 Uhr
Nach einer Weile beruhigt sich die Situation. Die anderen Wächter gehen zurück auf ihre Grundstücke, der Gärtner verschwindet in der Dunkelheit, Nicolas setzt sich in sein Häuschen, nachdem ich ihm eine große Taschenlampe dagelassen habe.

20.18 Uhr
Warum weiß ich nicht, aber ich gehe noch einmal hinaus, um die Lage zu prüfen. Schau Richtung Wächterhäuschen und sehe einen Feuerschein. Renne hin und sehe Nicolas vor dem Feuer stehen. Er hat in jeder Hand eine zerbrochene Neon-Leuchte, die gekreuzt ins Feuer hält. Dazu wiegt er den Oberkörper hin und her und spricht Worte, die wie Beschwörungen klingen. Ich verstehe immer nur eins: „The truth will come out, the truth will come out…“

20.19 Uhr
Frage, was das nun wieder soll. Nicolas erklärt mir, dass ich das nicht verstehen könne, ich sei schließlich weiß. Mittlerweile ist E. hinzugekommen. Sie erklärt ihm voller Ernst, dass auch die Weißen ihre Geister hätten, und die würden das Haus beschützen. Seine könne er also getrost in der Geister-Garage lassen.

20.22 Uhr
Halten Kriegsrat im Haus. Was, wenn Nicolas irgendwie recht hat? Vielleicht ahnt er etwas, und kann es nur so ausdrücken. Holen Taschen und Tüten und stopfen was wir für wertvoll halten hinein. Fahren zu E.s nahegelegenem Büro und legen alles in den Safe.

20.55 (eineinhalb Stunden bis Checkin)
Kommen zurück. Entdecken im Garten Kleidungsstücke, die vorher nicht da waren. Nicolas hat Hosen und Hemden des Tagwächters verstreut. Erklärt auf Anfrage, diese seien verhext und müssten daher verbrannt werden. Wir brüllen ein wenig. Er räumt die Klamotten wieder weg.

21.10 Uhr
Der Generator geht aus. Einfach so. Diesel ist noch drin. Fangen nun auch an, an böse Mächte zu glauben. Können aber nicht mehr warten, müssen zum Flughafen. Laufen mit dem Handgepäck zum nächsten Hotel, um dort ein Taxi zu rufen. In Gedanken sind wir in unserem Haus. Strömen nun schon diebische Horden durchs Tor und nehmen alles mit, was sie tragen können?

22.50 Uhr
Der Flieger hebt ab. Bald sind ein paar hundert Kilometer zwischen uns und Accra. Und schon fragen wir uns: War da was?

Montag morgen
In Deutschland: Wir rufen unsere Haushälterin an und fragen, was Sache ist. Sie sagt, alles ist ruhig, außer dass Nicolas Blumentöpfe im Garten verteilt, die Terrasse unter Wasser gesetzt und die größte unserer Bananenstauden abgebrochen hat. Wir telefonieren daraufhin mit der Wachgesellschaft und lassen ihn ablösen.

Januar 2010
Wieder zurück in Ghana. Das Haus steht noch, alles ist wie immer (bis auf die geknickte Banane). Erklärung für all das gibt es keine. Die Wächterkollegen meinen, Nicolas sei vielleicht etwas überarbeitet gewesen. Dafür fällt nun der Strom gleich tageweise aus und der Generator läuft und läuft und läuft. Bestimmt sind daran keine bösen Mächte schuld, sondern nur ein bisschen Schlamperei.

Viele Grüße

Michael

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