Jäger und Sammler

Meinen Heimatausflug begleitet eine lange Liste mit Aufgaben. Die meisten bestehen darin, Dinge zu erwerben, die in Nairobi unter eine oder mehrere der vier folgenden Kategorien fallen: (1) gibt es gar nicht, (2) gibt es normalerweise, nur jetzt gerade nicht, (3) gibt es eigentlich, man weiß aber nicht wo genau und (4) gibt es immer, aber zum fünffachen Preis.

Zu den Dingen auf meiner Liste gehören unter anderem ein neuer Außenspiegel fürs Auto, ein Laptop-Netzkabel, Bio-Honig, guter Senf und allerlei Kosmetik. Besonders letzteres wird zu einer harten Probe ausarten.
Ein Außenspiegel gehört normalerweise nicht auf eine Einkaufsliste. Deshalb erkläre ich kurz, wie es dazu kommt.

Wir wollen endlich mal wieder weggehen. Ein Konzert soll es sein, mitten in Nairobi. Auf dem Weg dorthin stehen wir im Stau. Ein Fußgänger schlängelt sich zwischen den Autos hindurch. Kommt auf uns zu. Holt aus. Schlägt mit beiden Händen den Seitenspiegel ab. Verschwindet mit ihm in den Büschen.

Wir hatten zwar schon von solchen Aktionen gehört, aber eine Gestalt mit dem eigenen Außenspiegel unter dem Arm in der Ferne verschwinden zu sehen, ist dann doch nochmal anders. Nachdem wir uns erst auf- und dann wieder abgeregt haben, setze ich das Ersatzteil seufzend mit auf die Einkaufsliste.

Manches ist einfach zu besorgen. Ebay, zum Beispiel, macht’s möglich. Jede Menge Außenspiegel zu Schleuderpreisen. Ich nehme gleich drei, für alle Fälle. Auch Laptop-Kabel und anderes lassen sich gut online einkaufen. Warum, weiß ich nicht, aber die Kosmetika will ich persönlich besorgen.

Vielleicht war es Naivität, die Glorifizierung des Heimatlandes mit seinen unerschöpflichen Möglichkeiten, den immer vollen Regalen, der sofortigen Lieferbarkeit, die mich zu folgendem Tagtraum verleitete:

Ich betrete eine Parfümerie. Eine freundliche und wohlriechende Verkäuferin eilt auf mich zu. Ich überreiche ihr eine Liste. Sie sucht ein paar Minuten. Dann stehe ich an der Kasse und bezahle.

Berlin. Stadt voller Menschen, Hunde und Parfümerien. Ich betrete die erste auf der Friedrichsstraße. Mein Traum wird wahr, jedenfalls zum Teil.

Eine freundliche und wohlriechende Verkäuferin eilt auf mich zu. Ich überreiche ihr die Liste. Sie sucht ein paar Minuten.

Sie kommt zurück und sagt, es täte ihr ja so leid, aber zwei von drei Dingen seien nicht vorrätig. Kein Problem. Bin guter Dinge. 15 Minuten Fußmarsch zur zweiten Parfümerie.

Eine freundliche und wohlriechende Verkäuferin eilt auf mich zu. Ich überreiche ihr eine Liste. Sie sucht ein paar Minuten.

Dann kommt sie zurück und sagt, es täte ihr ja so leid, aber die beiden verbliebenen Dinge auf meiner Liste seien nicht vorrätig. Kein Problem. Bin immer noch gut gelaunt. 10 Minuten Fußmarsch zur dritten Parfümerie.

Eine freundliche und wohlriechende Verkäuferin eilt auf mich zu. Ich überreiche ihr die Liste.

Sie sucht erst gar nicht. Glaubt spontan, dass beides gar nicht mehr im Programm sei. Genau wisse sie das aber nicht, die Kataloge wären gerade nicht zur Hand. Jetzt nicht mehr ganz so gut gelaunt. 12 Minuten Fußmarsch zur vierten Parfümerie. Dort gibt es für die beiden Hersteller der beiden Produkte jeweils einen eigenen Stand.

Eine freundliche und wohlriechende Verkäuferin eilt auf mich zu. Ich überreiche ihr die Liste.

Sie sagt gleich: Gibt es nicht mehr. Will aber hilfreich sein. Welcher Farbton es denn sei. Irgendwie dunkelrot sage ich und laufe ebenso an, weil mir in diesem Moment klar wird, wie sich das anhören muss. Da könnte ich im Autohaus auf die Frage eines Verkäufers ja auch sagen: irgendwas mit Rädern.

Am zweiten Stand muss der Katalog erst gesucht werden. Das dauert. Ich hinterlasse meine Telefonnummer. Eine halbe Stunde später das Urteil. Gibt es nicht mehr.

Gebe nicht auf und will die Sache systematisch angehen. Sage, es muss doch so etwas wie eine Übersetzungsliste für Farbtöne geben. Stelle mir das so vor, wie im Malergeschäft, wo es diese RAL-Farbtabellen gibt. Aber so funktioniert das nicht.

Was soll ich jetzt sagen, wenn ich wieder nachhause komme? Den Lippenstift hatten sie nicht, aber dafür habe ich drei neue Außenspiegel? Ach, das Jagen und Sammeln ist auch nicht mehr das, was es mal war.

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