Karen Blixens Fluch

Kürzlich war ich in Kenia, auch um E. zu besuchen, die dort auf Dienstreise weilte. Wie es sich für eine First Lady geziemt, absolvierte ich das Damenprogramm. Dazu gehörte auch ein Besuch von Karen Blixens Haus, jener dänischen Baroness, die hier an Ehe und Kaffeeplantage scheiterte, den tollkühnen Liebhaber zu Grabe trug und damit die Grundlage für einen großen, tragischen Film legte. Dort, am Schauplatz der weltberühmten Romanze, beging ich einen entscheidenden Fehler, für den ich mich ein paar Tage später noch sehr schämen sollte.

Südwestlich von Nairobi liegt der Stadtteil Karen, zum Teil erbaut auf dem Gebiet der ehemaligen Blixenschen Kaffeeplantage. Im 19. Jahrhundert war es dorthin eine Tagesreise, jetzt dauerte die Fahrt mit dem Taxi etwa 45 Minuten. Ein Schild wies zum „Karen Blixen Coffeeshop“, einem Anwesen mit einem kleineren Haus im Kolonialstil und einem zweiten mit angeschlossenem Restaurant, wo es sich gewöhnlich die Reichen und Schönen Nairobis gut gehen lassen. Tief bewegt ging ich von Zimmer zu Zimmer; nun hatte ich also persönlich jenen legendären Ort kennengelernt. Ich machte ein paar Bilder, die ich am Abend E. stolz als Beute des Tages präsentieren wollte.

E.s Reaktion war etwas anders, als ich es erwartet hatte. Schon das erste Bild, auf dem die Veranda des Haus zu sehen war, beäugte sie misstrauisch. „Irgendetwas stimmt da nicht“, sagte sie. In meiner Ehre als Pfadfinder des Herzens und romantisch beseelter Fotograf gekränkt, widersprach ich natürlich vehement. Doch auch die Bilder vom Innenraum überzeugten nicht. „Alles viel zu klein“, ließ E. mich wissen. Jetzt reichte es aber. Wer war denn persönlich vor Ort gewesen, während E. ihr Wissen bloß aus der Erinnerung an den Film mit Meryl Streep und Robert Redford bezog?

Am Wochenende fuhren wir gemeinsam hin. Wieder bog das Taxi beim Coffeeshop ein, wieder ging ich durchs Haus, E. hinter mir her. Dieses Mal stand eine Frau im schwerledern eingerichteten Wohnzimmer, wo über dem Kamin eine Jagdszene in Öl „Löwen fressen Zebra“ hängt, in den Tropen vermutlich das, was in unseren Breiten als Hirsch von der Wand röhrt.

Wir plauderten ein wenig mit ihr, ich sagte so was wie „schönes Haus“, und dann fing E. wieder damit an, es sei doch alles viel zu klein hier, und das könne doch alles gar nicht sein. Schon wollte ich mich peinlich berührt abwenden, da fiel mir die Frau in den Rücken. „Klar“, sagte sie, „das ist ja auch nicht Karen Blixens Haus, sondern das eines Nachbarn von damals.“

Wie sich herausstellte, befand sich das echte Haus 500 Meter weiter die Straße entlang. Die Schande, die Schande. Und sie wurde noch größer, als E. mich darauf hinwies, dass wir den Film vor einigen Jahren zusammen gesehen hätten, und ich mich doch wohl an die etwa zehn Mal so große Veranda erinnern müsse, auf der Redford und Streep geturtelt hatten. Nun hatte ich auch noch ein gemeinsames Erlebnis vergessen.

Also besuchten wir das echte Haus. Dort schaute ich aus dem Wohnzimmerfenster, vor dem eine Gardine wehte, auf die dunstige Silhouette der Ngong Hills, wo Denys, der tragische Held, begraben liegt. Im Film war er hin und wieder über das Haus hinweg geflogen und hatte dabei Karen Blixen mit den Tragflächen zugewinkt. Da wusste ich, was ich zu tun hatte, um meinen Fehler wieder gutzumachen: Fliegen lernen, Doppeldecker kaufen.

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