Neues aus Tropicana

Heute gibt es an dieser Stelle keine runde Geschichte, kein Sinnsuchen, keine Liebeserklärung im Warenkorb, kein Philosophieren, aber auch keine Klagen, sondern nur ein Sammelsurium kleiner Begebenheiten, die sich in den letzten Tagen zugetragen haben. Hauptdarsteller sind: ein Stier, ein Topf Kässpätzle und ein Wäscheständer.

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Die Kässpätzle

Seitdem die Schwaben auf selbstgebastelten Schiffen donauabwärts fuhren und sich längs des Flusses niederließen, weiß man: Der Schwabe reist gerne. Auch hier in Ghana hat sich eine stattliche Diaspora gebildet, die Sitten und Bräuche der fernen Heimat nicht vergisst. Darum war letztens es wieder einmal soweit: Heimatabend. Ich war der Koch, und meine Wahl fiel auf Kässpätzle. Warum nur, warum? Natürlich wusste ich, dass es hier keine Spätzle zu kaufen geben würde. Und selbst wenn! Was für gute italienische Pasta gilt, kann der Schwabe nur unterschreiben: Selbstgemacht schmeckt am besten. Dazu stelle man sich vor einen großen Topf mit kochendem Wasser, halte ein am vorderen Ende abgeschrägtes Brett in der einen und eine Art Spachtel in der anderen, und schabe, Lage für Lage, den Teig langsam hinein. Jetzt ist nur so, dass die Luftfeuchtigkeit hier neue Rekordhöhen erreicht hat. Gestern waren es 90 Prozent, unerträglich. Wenn man dann noch eine Stunde lang über einen Topf mit kochenden Wasser gebeugt steht…. Ich denke, ich darf nun für mich reklamieren, die erste mobile, gasbetriebene Minisauna der Welt erfunden zu haben. Auch bei der Hardware bleibe ich meiner Herkunft treu: Der Topf ist von WMF, aus dem schwäbischen Geislingen.

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Der Stier

Montagmorgen. Langsam taste ich mich im Stau vorwärts auf die größte Kreuzung der Stadt zu. Von vier Seiten kommen hier je sechs Spuren zusammen. Endlich stehe ich an der Ampel. Dahinter geht’s normalerweise zügiger. Während ich da so sitze, BBC Worldservice lausche und aufs Lenkrad trommle, betritt gegenüber am anderen linken Ende der riesigen Kreuzung ein Stier die Fahrbahn. Er kommt von einer staubigen Freifläche, wo auf einer kleinen Anhöhe die Ruinen eines begonnen und nie fertiggestellten Gebäudes verfallen. Nur Säulen sind zu sehen, keine Wände, kein Dach, sondern nur für Säulen scheinen Geld oder Motivation (oder beides) der Bauherren ausgereicht zu haben. Mindestens 50 davon ragen in den Himmel und sehen aus wie die Akropolis von Accra. Dieser Hintergrund verleiht dem Stier etwas Mythisches. Wie es scheint, vertraut er auch darauf. Ohne nach links oder rechts zu schauen, stapft Minotaurus sehr gemächlich quer über die Kreuzung. Um ihn herum brandet der Verkehr. Autos überholen sich gegenseitig beim Abbiegen und werden dabei von Motorradfahrern überholt. Dabei hupen alle gemeinsam eine spontane Sinfonie der Großstadt. Doch der Stier ist ganz bei sich. Sein Schwanz wedelt entspannt, der Kopf wackelt im Takt der Schritte. Unbehelligt erreicht er die andere Seite und verschwindet in den Büschen.

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Der Wäscheständer

Als wir nach Ghana zogen, planten wir alles minutiös. Wir packten Waschmittel ein, weil Veteranen uns beschworen, man könne dort kein Taugliches kaufen, fragten uns, wie wir es zwei Jahre lang ohne Parmesan aushalten würden und importieren je zehn Tuben unserer Lieblingszahnpasta. Natürlich war alles Quatsch. Waschmittel gibt es sehr wohl, auch Parmesan dank eines Ritters des Malteserordens, der den Käse nebst anderen italienischen Spezialitäten importiert. Bei der Zahnpaste sind E. und ich noch uneins. Während sie sich bei Besuchen in Deutschland mit der Marke ihres Vertrauens eindeckt, probiere nun ständig eine neue. Die letzte war englischer Herkunft, leuchtend rosa und brannte im Mund wie Whisky. Womit wir nicht gerecht hatten war, wie schwierig sein würde, einen Wäscheständer zu finden. Nicht, dass es keine Wäscheständer gäbe. Nur entspricht keiner unserer Vorstellung, von der wir glauben, dass sie die einzig zulässige ist. Da gibt es pyramidenförmige und quadratische Ständer, die alle vollkommen ungeeignet sind, weil sie entweder zu niedrig oder zu hoch sind und auf ihnen die Wäsche mehr über- und ineinander verwurschtelt hängt, als freischwebend und luftumfächelt, wie sich das gehört. Was wir wollten, war der ganz normale Ständer, der, wenn man ihn aufklappt, von der Seite wie ein X aussieht und dann noch diese praktischen Seitenflügel hat. Wochenlang bin ich deshalb in Accra umher gefahren, immer den Blick auf den Straßenrand gerichtet. Dort zwischen Büschen und Bäumen, und nicht im Supermarkt, stehen die besten Händler, unter anderem auch Immanuel, an dessen Shop ich am Samstag vorbeikam. Endlich, nach Wochen, entdeckte ich das Teil mit der x-förmigen Traumfigur, legte eine Vollbremsung hin, und kaufte, ohne zu handeln.

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