Der Tod ist ein ungnädiger Nachbar (2)

Ich mag Beerdigungen nicht. Bis Ghana hatte ich gedacht, das geht jedem so. Doch fuhren einmal die 35 jungen Leute, mit denen ich hin und wieder zusammenarbeitete, alle gemeinsam zur Beerdigung der Cousine einer ihrer Kolleginnen. Ich wiederhole: Der Cousine einer Kollegin. Ich bin damals nicht mitgefahren, denn, wie gesagt: Ich mag sie einfach nicht, die Beerdigungen. Als aber unser Gärtner Leonard starb, war klar, dass wir alle zusammen hingehen würden: Rose, unsere Haushälterin, Collins, der Tag- und Osborne, der Nachtwächter, und ich. Schließlich hatten wir fast fünf Jahre miteinander verbracht.

Seine Beerdigung sollte in dem kleinen Ort Mwimuto stattfinden, wo Leonard 41 Jahre lang lebte und eines Morgens überfahren wurde. Das klingt vielleicht lapidar, ist aber in Kenia nicht selbstverständlich. Für manche der 42 Ethnien ist es unvorstellbar, ihre Toten anderswo zu beerdigen, als in heimatlicher Erde, und damit ist nicht etwa der Friedhof des Heimatortes gemeint, sondern das eigene Stück Land.

Unser Tagwächter Collins, der zu den Luo gehört, folgt dieser Tradition, koste es was es wolle. Sonst suchten einen die Toten heim, sagt er. Die Haushaltshilfe von Freunden – ebenfalls eine Luo – bezahlte einst 600 Euro allein für den Transport ihres verstorbenen Bruders die 400 Kilometer von Nairobi nach Hause an den Viktoriasee. Ihr Monatsverdienst betrug etwa 200 Euro. Ich sagte ja: koste es, was es wolle.

Die Kikuyu, zu denen Leonard gehörte, sehen das praktischerweise etwas lockerer. Dennoch diskutierte seine Familie offenbar heftig, ob man seine Leiche vielleicht doch ins 100 Kilometer entfernte väterliche Heimatdorf bringen sollte. Collins hielt mich darüber auf dem Laufenden. Täglich wechselte der Ort des Begräbnisses. Eine Woche später war es schließlich wieder dort, wo es anfangs geplant gewesen war.

An einem Dienstag um 12 Uhr mittags sollte er begraben werden. Collins hatte seinen freien Tag, Osborne arbeitete nur nachts. Wir verabredeten uns an der örtlichen Tankstelle, wo ich mein Auto parken würde. Auf der Hinfahrt sagte Rose, das sei nicht schön, den armen Leonard auf dem öffentlichen Friedhof zu beerdigen. Sie gehörte zu den Luyha, Nachbarn der Luo, nicht nur geographisch, sondern auch bei Begräbnistraditionen. Die Gräber auf öffentlichen Friedhöfen seien sehr flach, sagte sie. Nach wenigen Monaten käme ein Bagger und würde Platz für neue Särge machen.

Von der Tankstelle liefen wir einen steinigen Weg bergauf in Richtung Friedhof. Oben angekommen deutete Collins auf den Abhang auf der anderen Seite. Der obere Teil war mit Plastikmüll übersät, Flaschen, Tüten und kaputtes Irgendwas. Das sei der Friedhof. Weil ich keine Gräber sah, sondern nur Abfall, fragte ich, ob er sich da sicher sei. Er deutete weit nach unten. Jetzt erst sah ich zwei kleine Holzkreuze in der Erde stecken. Dann entdeckte ich einen Hügel aus roter, frisch ausgehobener Erde.

Nach fünf Jahren Kenia vergesse ich manchmal, wo ich bin. Die Wege tausendmal gegangen, die Straßen tausendmal gefahren, tausendmal den Schlaglöchern und durchgeknallten Matatu-Fahrern ausgewichen und im kleinen, indischen Supermarkt einkaufen gewesen. Alltag hatte ich irgendwann in jeder Stadt, in der ich gewohnt habe. Egal ob Düsseldorf oder Frankfurt, Accra oder Nairobi, der Alltag machte sie irgendwann alle gleich. Der rote Hügel auf dem Friedhof erinnerte mich wieder daran, wo ich war. Denn diese Erde, die gab es nur hier.

Collins, Osborne, Rose und ich betraten den Platz vor der Kirche auf dem Hügel. Schon seit acht Uhr morgens saßen hier mindestens zweihundert Trauergäste, Familie, Mitglieder seiner Kirchengemeinde, Freunde und wahrscheinlich auch Hungrige, die auf eine kleine Speisung hofften.

Ich war der einzige Weiße. Ob ich hier wohl störte? Ich war etwas unsicher. Diskret klemmten wir uns ganz hinten zwischen die Leute. Ein junger Mann brachte Stühle, ein anderer eine kleine Broschüre mit Bildern von Leonard und seiner Frau, einem kurzen Lebenslauf, Liedern und Gebeten.

Vorne sprachen mehrere Pastoren nacheinander, moderiert von einem MC, dem Master of Ceremony, alles in Kiswahili. Ich verstand von all dem wenig, vor allem aber eins: Yesu. Vor ihnen stand der Sarg aufgebahrt, von Blumen bedeckt. Ein Bild und ein Holzkreuz lehnten daran. Auf dem Kreuz stand der Name und „Sonnenaufgang“ und „Sonnenuntergang“, dahinter jeweils ein Datum.

Ich blätterte gerade in der Broschüre, als Collins mich anstupste. Ich sei gerade vom MC gebeten worden, eine Rede zu halten. Mich ganz hinten zu verstecken, hatte schon in der Schule nicht funktioniert. Heute wie damals war das Problem das gleiche: Wer ganz hinten sitzt und aufgerufen wird, der muss an allen vorbei nach vorne gehen und danach wieder an allen vorbei zurück.

Ich ging den langen Weg nach vorne. Der MC gab mir ein Mikrofon. Ich sagte „Guten Tag“, um mich dann gleich zu verbessern, dass dies vielleicht doch kein so guter Tag sei. Ich sagte, dass Leonard fünf Jahre für meine Familie gearbeitet hatte und er ein zuverlässiger, fleißiger, liebenswerter Mann gewesen sei. Dass ich mir wünschte, jemand hätte mich direkt nach seinem Unfall angerufen, damit ich ihn schneller ins Krankenhaus hätte bringen können. Dass unsere kleine Tochter ihm immer Schritt und Tritt durch den Garten gefolgt sei und er ihr immer gerne all die interessanten Dinge zeigte, den Rechen, den Gartenschlauch und den Eimer. Dass wir ihn so in Erinnerung behalten würden. Dann konnte ich nichts mehr sagen. Ich gab das Mikrofon zurück und ging am Sarg vorbei den langen Weg zurück auf meinen Platz.

Endlich waren die Reden vorbei. Ein paar Männer nahmen den Sarg auf und trugen ihn Richtung Friedhof. Alle erhoben sich von den Stühlen und gingen hinterher. Einer trug das Bild, einer das Holzkreuz, andere die Blumen. Vorneweg schritt ein Mann mit einem Mikrofon und sang. Am Ende der Prozession trug einer den Lautsprecher. So gingen wir über den Abfall langsam den Hügel hinunter.

Die Menge trampelte über die alten Gräber. Das Loch für Leonards Sarg war tief. Rose hatte nicht Recht behalten. Ein paar Männer ließen den Sarg hinab. Der Pastor sprach. Leonards Familie ging weinend ans Grab. Seine Frau warf eine Handvoll Erde hinein. Andere taten es ihr gleich. Männer ergriffen Schaufeln und hoben die rote Erde hinein. Sie gaben die Schaufeln anderen Männern weiter und diese wieder anderen.

Jeder half, das Grab zu füllen. Frauen begannen zu singen. Der rote Hügel wurde schnell kleiner. Ich schaufelte auch ein paar Mal. Dann war das Loch zu. Jeder erhielt eine Blume. Die steckten wir auf den niedrigen Erdhaufen, der jetzt des Loch bedeckte. Wie alle anderen auch, ging ich zu Leonards Frau, schüttelte ihr Hand und sagte „Pole“. Dann drückte ich mich durch die Menge, um mich an den Rand des Friedhofs zu stellen.

Auf dem Weg dorthin sah ich ein paar bekannte Gesichter. Wir begrüßten uns. Nach und nach traf ich alle wieder, die jemals auf unserem Grundstück gearbeitet hatten: Der Fahrer des Lastwagens, der immer die Gartenabfälle abtransportierte, der Schreiner, der den Holzboden ausbesserte, der Klempner, der den Boiler reparierte, der Schmied, der das Gitter an der Küchentüre katzensicher gemacht und der Mann, der geholfen hatte, den Zaun am See zu bauen. Einer nach dem anderen schüttelte meine Hand. Wir rangen um Worte. Schließlich sagten wir immer nur, dass man jetzt eigentlich gar nichts sagen könne, außer: „zu früh“.

Die Menge zerstreute sich. Ich ging den Hang wieder hinauf. Oben begegnete ich Leonards Onkel, dem Termitenjäger. Im Jahr 2011 hatte er sich bei uns im Garten eine Schlacht mit den schlauen Termitenköniginnen geliefert, die 3:1 endete. Damals war er 84 Jahre alt gewesen. Die Augen des alten Mannes waren wässrig, ihm lief die Nase. Ich musste an eine Organistin denken, die ich vor vielen Jahren interviewt hatte. Sie spielte immer bei Bestattungen. Ob ihr die ständige Nähe des Todes denn manchmal nahe ginge, hatte ich wissen wollen. Eigentlich nicht, hatte sie geantwortet, nur wenn Eltern ihre Kinder begraben müssten, das mache sich richtig wütend. Der Onkel stand gebückt. Wir gaben uns die Hand und sagten gar nichts.

Osborne verabschiedete sich. Collins, Rose und ich gingen Richtung Auto. Beim Abschied bedankte sich Collins. Ich fragte, wofür. Dafür, dass ich dabei gewesen sei, sagte er. Aber das sei doch selbstverständlich gewesen, entgegnete ich. Nein, sagte er, niemand im Dorf hätte geglaubt, dass ich wirklich kommen würde. Alle hätten sich wirklich sehr gefreut. Ich hätte Leonard damit eine große Ehre erwiesen.

Rose und ich stiegen ins Auto und fuhren nach Hause. Kurz bevor wir dort ankamen, sagte sie, mehr zu sich selbst: „Oh, ich mag Beerdigungen einfach nicht.“ Ich normalerweise auch nicht.

Fortsetzung folgt.

Der Tod ist ein ungnädiger Nachbar (1)

81:61 – das ist Deutschland vs. Kenia bei der Lebenserwartung in Jahren. Statistisch gesehen sterben die Leute hier, wenn wir gerade anfangen, von der Pensionierung zu halluzinieren. Leider ist diese Statistik sehr wahr. Unsere Haushaltshilfe verlor ihren 40-jährigen Bruder an eine Erkältung. Eine Sozialarbeiterin, die mit unserer Adoption zu tun hatte, überstand vor ein paar Wochen mit Ende 30 einen Kaiserschnitt nicht. Unser Gärtner Leonard trug neulich seinen 45-jährigen Bruder zu Grabe. Und nun ist er mit Anfang 40 selbst gestorben.

Leonard hatte bei uns fünf Jahre lang gearbeitet. Seine große Stärke waren gar nicht so sehr unsere Büsche und Blumen, denen er beim Zurückschneiden immer einen eher militärischen Bürstenstil verpasste. Richtig gut war er im Kampf gegen den Alltag. Regnete es durchs Dach, brauchten wir einen Zaun am See, wollten wir die kleine B. mit einem Sandkasten erfreuen, nagten die Termiten allzu hungrig an den Stützen des Terrassendachs oder war der Abfluss mal verstopft, Leonard wusste immer Rat. Entweder er legte selbst Hand an, oder kannte jemanden, der es konnte.

Mittwoch vergangener Woche hatte mich morgens eine Nachbarin angerufen. Ob ich das von Leonard schon gehört hätte? Von einem Auto sei er gestern angefahren worden und gestorben. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, außer so etwas wie „WAS?“, dann „das kann doch wohl nicht wahr sein“ und schließlich „so eine verdammte Sch…“. Dann legte ich auf, ging ich hinaus und fragte unseren Wächter Collins. Er wusste es schon. Eine Cousine von Leonard, die neben ihm wohnt, hatte abends laut geschrien und geweint.

Es war kurz nach 8 Uhr morgens, Zeit die kleine B. in den Kindergarten zu bringen. Leonard fing seinen Dienst normalerweise jetzt an. Bevor wir abfuhren, wusch er das Auto und trug dabei um diese kalte Jahreszeit seine rote „FC Liverpool“-Wollmütze. Das Auto war trocken, der Eimer leer, die Mütze hing am Haken, Leonard war nicht da. Ich wollte es einfach nicht glauben. Vielleicht war das Unfallopfer ja gar nicht Leonard, sagte ich hoffnungsvoll. Vielleicht kommt er heute einfach nur zu spät. Collins wiegte den Kopf und verzog stumm sein Gesicht.

Als ich vom Kindergarten zurückkam, stand Leonards Bruder auf dem Hof. Er erzählte, wie Leonard morgens seine Kinder in die Schule gebracht hatte und dann an der Straße entlang zur Bushaltestelle gegangen war. Wie ein Auto auf der anderen Seite der Straße viel zu schnell fuhr, beim Bremsen außer Kontrolle geriet, quer über die Straße rutschte, Leonard von hinten traf, erst meterweit wegschleuderte und dann überrollte. Erst lag er eine Weile im Straßengraben. Dann transportierte ihn der Bruder des Unglücksfahrers zur nächsten Ambulanz. Später wurde er von einem Krankenwagen ins große Kenyatta-Krankenhaus in Nairobi gebracht. Nach einem Blick aufs Röntgenbild von Leonards Kopf winkte der Arzt nur ab. Abends war er tot.

Ich sagte, das täte mir alles sehr leid. Mir auch, sagte der Bruder, und fügte schnell hinzu, sie bräuchten nun Hilfe, zunächst einmal bei der Beerdigung, dann bei den Krankenhauskosten und schließlich überhaupt. Etwa jetzt endete meine Trauer für einen Moment und das vernebelte Denken klarte auf. „Kenianer werden seltsam, wenn es um Geld geht“, hatte einmal ein kenianischer Freund selbstkritisch bemerkt. Tatsächlich fragte ich mich in diesem Moment: Ist das überhaupt der Bruder? Und wenn ja, würde er, wenn ich ihm Geld gäbe, dieses an die weitaus härter betroffene Frau und Kinder weiterreichen?

Natürlich würden wir der Familie helfen. Denn sicherlich hatte Leonard, der freiberufliche Gärtner und Mann für alle Fälle, keine Rentenversicherung. Auch keine Lebensversicherung. Und keine Unfallversicherung. Wie sich später herausstellen sollte, hatte er auch keine Krankenversicherung, obwohl ich ihm dafür extra monatlich Geld gegeben hatte. Ich vereinbarte mit Leonards Bruder, dass wir uns melden würden. Als er weg war, nahm Collins mich zur Seite und sagte, es sei sehr wichtig, dass ich meine Hilfe nur mit Leonards Frau direkt besprechen würde. Sobald die Verwandten sähen, dass da Geld fließe, sei sie in Gefahr, alles wieder zu verlieren.

Spätnachmittags lief ich mit der kleinen B. und Collins durch den Garten. Wir öffneten die Türe im Zaun zum See, den Leonard gebaut hatte, damit die kleine B. nicht hineinfiele, setzten uns auf den Steg, den er mehrfach repariert hatte, und warfen Steine ins Wasser. Wir streichelten die Katze, die auf den warmen Steinen der kleinen Terrasse lag, die Leonard an einem besonders sonnigen Ort in unserem Garten angelegt hatte. Wir umrundeten den Gemüsegarten, in dem der Spinat, die Kürbisse, die Karotten und die Auberginen wuchsen, die Leonard angepflanzt hatte. Egal wohin wir auf unserem Grundstück gingen, Leonard hatte hier gebaut, repariert, gepflanzt und gestrichen. Es war wie ein Museumsbesuch, nur viel trauriger.

Abends, nachdem die kleine B. ins Bett gegangen war, machte ich ein Feuer im Kamin. Wir hingen unseren Gedanken nach. Ich schaute in die Flammen und sagte: „Das Feuerholz hat übrigens Leonard letzte Woche für uns gehackt.“

Fortsetzung folgt.

Danke, Barack

Als wir vor sieben Jahren in Ghana ankamen, klagte ein älterer Kollege von E., dass er es nach langem Auslandseinsatz nun am Rücken habe. Die vielen Schlaglöcher und die ungeteerten Straßen, das sei einfach zu viel, sagte er und rieb sich wie zum Beweis mit der Hand über die Lendenwirbel.

Pah, alter Knacker, dachte ich damals hämisch.

Sieben Jahre später schmerzt mich selbst der Rücken, wenn ich beispielsweise die kleine B. über eine Kraterlandschaft von Schlaglöchern in den Kindergarten fahre. Sie wirft sich dann in ihrem Kindersitz hin und her und ruft „Dldldldldldl!!!“, was ebenso laut wie malerisch das Gerumpel des Autos nachahmen soll. Glückliche Jugend, denke ich, und reibe mir still die schmerzende Stelle.

Gestern fahre ich sie mal wieder in den Kindergarten und bemerke, dass Gewackel und Dldldldldldl-Rufe ausbleiben. Nach ein paar Sekunden klickt es. Die Straße ist repariert worden. Es ist ein Wunder. Ich und mein Rücken können uns gar nicht beruhigen vor Glück. Dann habe ich noch anderswo in Nairobi zu tun und sehe nun, wachen Auges, was hier geschieht.

Hunderte von Arbeitern in Overalls, mit Schippen, Schaufeln, Hacken und Pinseln bewehrt, bringen die Stadt auf Hochglanz. Vom Flughafen bis ins Zentrum wird der Mittelstreifen begrünt, der bisher eher an eine Mischung aus Sahara und Mülldeponie erinnerte. Die Straße zum Regierungssitz hat plötzlich richtige Gehwege. Überall werden die Randsteine gelb-weiß angemalt und die Farbe der Poller aufgefrischt. Und neuer, duftender Teer bedeckt die Schlaglöcher bis zum Horizont.

Und das alles, weil Barack Obama nächste Woche anlässlich einer Konferenz zu Besuch nach Nairobi kommt.

Auch in einer anderen Sache sorgt Obama für Bewegung. Seit Wochen tobt hier eine Diskussion in der Politik und in den Medien darüber, ob sich Obama bei seinem Besuch in Kenia zur Homosexualität äußern dürfe oder nicht. Zur Erinnerung: In den USA hat gerade der Oberste Gerichtshof die sogenannte Homo-Ehe landesweit legalisiert.

In Kenia hingegen werden homosexuelle Handlungen laut Gesetz mit 14 Jahren Gefängnis bestraft.

Anlässlich einer Demonstration vor ein paar Tagen drohte ein Parlamentarier, er werde Obama sagen, dass er „das Maul halten und nachhause gehen“ solle, falls er bei seinem Besuch sich zur Homosexualität äußere. Ein Sprecher des Weißen Hauses entgegnete, Obama würde es sich natürlich nicht verbieten lassen, über Menschenrechte zu sprechen.

Der bisherige Höhepunkt der Diskussion ist das Vorhaben einer völlig unbekannten, offenbar ultra-konservativen kenianischen Partei, eine Demonstration mit 5000 unbekleideten Frauen und Männern zu organisieren, die Obama den Unterschied zwischen den Geschlechtern noch einmal verdeutlichen soll.

Da sich für die Aktion nur sehr wenige Frauen freiwillig gemeldet haben, soll der Anführer dieser Partei nun Prostituierte angeheuert haben, um die Lücken zu füllen. Auf die Frage, wer das finanziert, soll er geantwortet haben, die Prostituierten beteiligten sich kostenlos, da eine Legalisierung der Homosexualität für sie geschäftsschädigend wäre.

Ich fasse noch einmal zusammen:

a) Weil Barack Obama den Unterschied zwischen Mann und Frau nicht kennt, befürwortet er die Legalisierung von Homosexualität. Der bloße Anblick primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale genügt, um Homosexualität als falsch zu entlarven und ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

b) Sobald Homosexualität erlaubt ist, wenden sich Männer, die normalerweise mit Prostituierten verkehren, von diesen ab und Männern zu. Homosexualität ist also keine Frage der Neigung, sondern eine des Budgets. Sex mit Frauen kostet, Sex mit Männern ist gratis.

Ach, das wusste ich ja gar nicht!

Danke, Mr President, für die Begrünung des Mittelstreifens, die frisch gefüllten Schlaglöcher, die angepinselten Poller und für Ihren unfreiwilligen Beitrag zu meiner sexuellen Aufklärung.

Ja, es is’ scho’ Weihnachten in Nairobi

Vorgestern Abend sitze ich zuhause und denke an nichts Böses, da ertönen weit irgendwo hinter der Dunkelheit Schüsse und Explosionen. Sofort habe ich verschiedenste Theorien parat: Wieder ein Angriff auf ein Shopping-Center? Der Aufstand der armen Massen gegen die stinkreiche kenianische Elite? Ein Militär-Coup? Oder einfach nur eine Schießerei zwischen Polizei und ertappten Einbrechern?

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Neulich im Kino

Quelle: Kartendaten © 2014 Google

Mittwoch: Mal wieder Bulletin der Deutschen Botschaft über Sicherheitslage in Kenia. Vor ein paar Tagen wurde ein mit Bomben präpariertes Auto gefunden.

Samstag: Verabrede mich mit H. zum neuen „Captain America“- Film. Läuft spätabends in der Junction Mall, etwa 8 km von uns entfernt, einmal quer durch die Stadt. Wollen uns vorher auf einen Snack treffen. H. nimmt wg. Carjacking-Gefahr Taxi.

Sonntag: Diskussion mit E., ob ich mein Leben wegen eines doofen Hollywood-Films auf Spiel setzen will. Ich sage, ich fahre dann wenigstens auch Taxi.

Montag, 19.30: Habe doch keine Lust Taxi zu fahren. Nehme das eigene Auto.

Montag, 20.45: Sitzen beim Essen. H. erhält Anruf, Bombenanschlag in Eastleigh, Stadtteil von Nairobi.

Montag, 20.50: Schicke E. SMS wg. Bombenanschlag. Sie sitzt in einer anderen Mall im Restaurant beim Essen.

Montag, 21.40-00.05: Sehen Captain America dabei zu, wie er mit seinem Schild Bomben, Raketen etc. abwehrt. Entsprechende Assoziationen bleiben aus. Traumfabrik funktioniert. Cola und Popcorn wie üblich schon vor Beginn aufgegessen. Film mittelprächtig.

Dienstag, 00.08: Setze mich ins Auto und fahre nachhause. H. fährt Taxi. Versuche Taxi zu folgen. Taxi hängt mich ab.

Dienstag, 00.13: Fahre auf leergefegten Straßen, tagsüber ist hier Staugarantie. Dank ans City Council of Nairobi dafür, dass sie endlich wieder mal ein paar Schlaglöcher aufgefüllt haben. Sonst könnte ich nicht mit 120 Sachen durch die Stadt fahren. Auf den restlichen 6 Kilometern begegnen mir genau zwei Autos. Die fahren genauso schnell.

Dienstag, 00.35: Denke beim Einschlafen, vielleicht doch Heimkino?

Dienstag, 14.00: In den Nachrichten heißt es, der Bombenanschlag am Montagabend habe sich gegen Christen gerichtet.

Dienstag, 18.00: In Mombasa wird ein muslimischer Geistlicher auf offener Straße erschossen.

Mittwoch: Kenianische Polizei sagt, sie hätte wegen des Bombenanschlags 900 Verdächtige verhaftet.

 

Ein Leben in der Öffentlichkeit

Einmal, noch ziemlich am Anfang meiner Zeit in Kenia, war ich eingeladen auf Snacks und Drinks bei Freunden. Es war warm, Kinder plantschen im Pool, Hunde dösten im Schatten. Mit einem Drink in der Hand schlenderte ich durch die Menge der Gäste, hörte hier zu, sagte dort etwas, und fand mich plötzlich in einer Diskussion über das harte Leben mit Hausangestellten wieder.

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Die etwas andere Geistergeschichte

Quelle: Wikipedia/LoKiLeCh

Die Verwaltung unseres Wohngebiets plant eine Aktion für Kinder. Alle Anwohner sind gebeten, an ihren Toren ein bestimmtes Plakat aufzuhängen um ihre Teilnahme zu signalisieren. Da ich kein Spielverderber sein will, drücke ich meinem Wächter das Plakat in die Hand mit dem Auftrag, es am Tor zu befestigen. Er nimmt es, liest, erstarrt und schaut mich schweigend an.

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