Marken des Schreckens

Marketingleute sprechen nicht gerne von Marken, sondern von „Brands“. Ein Produkt mit einer Marke zu versehen, nennen sie konsequenterweise auch „Branding“. Was so cool klingt, geht auf etwas recht archaisches zurück: nämlich einem Tier ein Brandzeichen aufzudrücken. Nirgends finde ich diesen Zusammenhang zwischen Marke und Feuer so schön und schrecklich zugleich, wie bei der kenianischen Fluglinie Fly540.

Sicherlich ist es nicht leicht, einen guten Namen für eine Fluglinie zu finden. Darum heißen viele einfach British Airways, Kenya Airways oder Qatar Airways. Die Kombination aus Land und Luftweg wird aber auf die Dauer langweilig. Außerdem rührt sie aus einer Zeit, als große Infrastruktur-Unternehmen noch in staatlichen Besitz waren – so wie die Deutsche Lufthansa oder noch sind wie die Deutsche Bahn. Heute ist mehr Kreativität gefragt.

Gratulieren darf man Virgin Airlines, Edelweiss Air oder auch Condor. Immerhin haben sich die Marketingleute bei den beiden letzteren zu einer Metapher aufgeschwungen, die mit luftiger Höhe zu tun hat. Virgin erwähne ich aus anderen Gründen. Erstens hat der Name so wundervoll gar nichts mit Fliegen zu tun. Zweitens ist er eine prima Überleitung dazu, was man außerhalb und zum Leidwesen der Marketingabteilungen noch alles mit Namen von Fluglinien anstellen kann.

Als Studenten lebten wir auf dem „Täglich-Spaghetti-mit-Tomaten-Soße“-Budget. Wir flogen, wenn überhaupt, dann möglichst billig. Pakistan International Airlines kam uns da sehr entgegen. Leider verhielt sich der Ruf der Fluglinie proportional schlecht zum Flugpreis. Zum Dank übersetzten wir ihre Abkürzung PIA mit „Please Inform Allah“ oder „Perhaps I Arrive“.

Auch andere Fluglinien laden zu solchen Wortspielen ein, zum Beispiel mit Alitalia mit „Always Late In Takeoff Always Late In Arrival“ oder mit „Airplane Landed In Tokyo And Luggage In Atlanta“. Oder TWA mit „Terrorists‘ Wanted Airlines“. Oder British Airways (BA) mit „Bloody Awful“. Oder eben Virgin, wo man der Jungfrau Maria vorsichtshalber mal ein Gebet zukommen lässt.

Niemals aber haben sich die Marketingleute selbst aus näherer Nähe ins Knie geschossen, als bei Fly540. Schon beim ersten Mitfliegen hatte ich mich über den Namen gewundert. Warum wählt jemand eine offenbar beliebige Zahl, um seine Fluglinie so zu taufen? Beliebig, weil sie nirgends erklärt wird.

Wem die Dinge nicht erklärt werden, der erklärt sie sich selbst. So lautet eine von mir gerade erfundene Regel der Kommunikation. Bald hatte ich nämlich einen Wikipedia-Eintrag über einen Lufthansa Flug mit der Nummer 540 gefunden, der 1974 kurz nach dem Abflug in Nairobi abgestürzt war. 57 Passagiere starben in den Flammen.

Wenn es irgendein Flug 540 gewesen wäre, hätte ich ja nichts gesagt. Aber Nairobi? Da ist der Zusammenhang schon so naheliegend, dass ich fast versucht bin den dritten Teil von „Aus dem Tagebuch eines Airlines-Managers“ zu schreiben. Die Geschichte ist hier aber noch nicht zu Ende. Das Schönste habe ich für den Schluss aufgespart.

Vor einigen Wochen flog ich in die Region Turkana, im Norden Kenias. Der Flugplatz in Lodwar hat sich für seine Fluggäste etwas ganz besonderes ausgedacht. Gleich hinter dem Eingang zum Flugfeld, vor ein paar mittelgroßen Felsbrocken, hat jemand sehr dekorativ zwei große Flugzeugmotoren drapiert.

An sich wäre das keine schlechte Idee, stammten diese Motoren nicht eindeutig von einem abgestürzten oder wenigstens sehr, sehr holprig gelandeten Flugzeug, das dabei seine Motoren verloren hat.

In Kirchen oder an öffentlichen Gebäuden Europas sind häufig sogenannte „Memento Mori“ zu finden, mittelalterliche Mahnungen an den Menschen, sich immer seiner Sterblichkeit bewusst zu sein. Dabei ging es auch immer um den Hinweis, dass weder Rang noch Geld am Ende irgendetwas nützen würden.

Genauso wirkt das Ensemble aus Felsbrocken und Motoren auf mich. Im Zusammenhang mit Fliegen finde ich das gewagt, aber irgendwie auch ehrlich. Denn die First Class stürzt ja genauso ab, wie die Economy Class. Man stirbt auch, nur bequemer. Jetzt frage ich mich bloß: Ist es das, was uns Fly540 mit dem Markennamen und der Flugplatzdekoration hier sagen will?