Wäre ich von Adel…

…dann wäre dies mein Wappen: “Muße mit Würde” (Cicero, De Oratore I).

Dieses Bild dokumentiert die Rückkehr unserer Katze in ihr Körbchen, das sie vor einigen Wochen zu verschmähen begann. Erst der Hinweis unseres Wächters Collins, das Polster sei mittlerweile durchgelegen und daher zu hart, brachte mich auf die richtige Spur. Mit etwas himmelblauem Schaumstoff ausstaffiert (unten rechts zu erkennen), wurde das Körbchen wieder zur ersten Wahl des anspruchsvollen Katzenhinterns. Katze geht dort nun mit neuem Engagement ihrer Lieblingstätigkeit nach.

Wisdom of the day

“He who tries to take pictures of rain, will get wet in the process.”

Ich komme nie wieder nachhause! Nie wieder!

Milzbrand, in Deutschland gibt es Milzbrand. Steht jedenfalls im “Stern”. War das nicht diese Bio-Waffe, die letztens zu absoluter Panik geführt hat? Anthrax. Weißes Pulver in Briefumschlägen, hochansteckend durch Einatmen oder Schlucken. Jetzt in deutschen Supermärkten. Mit dem Schengener Abkommen, mit den offenen Grenzen in Europa, der Reisefreiheit und alldem, ist die Frage nicht ob, sondern wann ganz Europa unter der furchtbaren Seuche dahinwelkt.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz beruhigt noch. Es bestünde keine Gefahr. Klar, das Zeug steckt ja auch nur in Rinderbraten, Gulasch, Corned Beef und Würsten. Da könnte ich genauso gut den kenianischen Behörden glauben, die ebenso wie ihre Nachbarn in Uganda, Tansania, Ruanda, Äthiopien einfach mal behaupten, hier gäbe es kein Ebola. Die Begründung: Dies hier sei Ostafrika, und Westafrika sei weit weg.

Das ist natürlich lächerlich. Jeder weiß doch, dass Afrika kein Kontinent, sondern ein Land ist, und die paar Menschen die dort leben – eine mickrige Milliarde – sind doch irgendwie alle gleich. Und deshalb haben sie früher oder später auch alle Ebola. Alle. Jaja, in Afrika gibt es angeblich 54 Staaten, aber die kennt doch keiner, außer Ägypten mit seinen Pyramiden, aber das sind doch eh keine richtigen Afrikaner, oder?

Auf die Dringlichkeit des Ebola-Problems in Kenia hatte mich erst vor ein paar Tagen ein Artikel in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” aufmerksam gemacht, den ich bei einem Kaffee auf meiner Terrasse in Nairobi las. Dort hieß es, jede Menge Reisende sagten ihre Safaris ab, in Südafrika, Botswana und auch in Kenia. Wegen Ebola.

Entsetzt war ich von meinem Liegestuhl aufgesprungen. Hatte sich was mit dem gemütlichen Nachmittag. Ebola? Hier? Um Gottes Willen! Warum sagt einem das keiner? Warum muss ich das aus der ausländischen Presse erfahren?! Wahrscheinlich haben diese afrikanischen Medien wieder mal keine Ahnung, was in ihren eigenen Ländern eigentlich los ist. Mir war klar: Ich musste sofort weg hier.

Obwohl, ein bisschen erstaunt war ich schon. War tags zuvor noch Einkaufen gewesen. Da schienen sich die Kenianer noch bester Gesundheit zu erfreuen. Wie immer Trubel auf den Straßen, den Märkten und in den Cafes. Aber das kann sich schnell ändern. Deshab fing ich vorsichtshalber schon einmal an, Koffer zu packen, Tickets zu buchen und mich von kenianischen Freunden zu verabschieden.

Ich sagte, natürlich telefonisch, um tränenreiche Umarmungen zu vermeiden (Achtung Körperflüssigkeiten!), leider hätte ich jetzt etwas sehr Wichtiges in Deutschland zu erledigen. Ich achtete bei der Wahl meiner Worte genau darauf, nicht “Auf Wiedersehen” zu sagen, sondern “Lebe Wohl”. Bei einer Sterblichkeit von 70-90 Prozent war ersteres ja wohl kaum möglich, und letzteres immerhin ein gut gemeinter, wenn auch vermutlich sinnloser Wunsch.

Dann, quasi im letzten Moment, lese ich über Milzbrand in Deutschland. Na, toll. Eine Rindswurst in einem Supermarkt reicht völlig aus. Dann kommen die Europäer, vor allem die Münchner, mit ihrem Küsschen-link-Küsschen-rechts, die Franzosen sogar noch einen mehr, und schon ist Anthrax überall. Vom Regen in die Traufe. Und wohin jetzt? Asien? Vogelgrippe. Japan? Radioaktivität. Island? Vulkane. Grönland? Eisschmelze. USA? Republikaner. Es ist ausweglos.

Ich stehe ein paar Minuten unschlüssig herum. Dann gehe ich in die Küche, mixe mir einen Gin-Tonic, mit viel Eis, Zitrone und einem extra großen Gläschen Gin. Das mit der Leber ist jetzt sowieso egal. Mit dem Glas in der Hand gehe ich zurück auf die Terrasse, lasse mich in den Liegestuhl sinken. Ich nehme einen großen Schluck und warte auf das Ende.

Freitagvormittag in Nairobi

Riesenandrang bei meinem 09.00 Uhr Meeting heute morgen. Es ist 09.43 Uhr, und die anderen drei “are caught in traffic”.

Wie ich aus Versehen ein aufrechter Patriot wurde

Vor zwei Jahren blieb ich bei einem Besuch des Fort Jesus in Mombasa mit dem Ärmel meines Hemdes an einem rostigen Nagel des Eingangstores hängen. Das Hemd hatte sich Jahre zuvor in der ghananischen Hitze dank seines unerklärlichen (es besteht einfach nur aus Baumwolle), aber günstigen Mikroklimas zu meinem Lieblingshemd entwickelt. Es machte “ratsch”, und der Ärmel hatte einen Riss. Normalweise wäre dies das “Aus” für jedes andere Hemd gewesen. Da ich es aber so lieb gewonnen hatte, konnte ich mich nicht dazudurchringen, es einfach wegzuwerfen. Also hängte ich es in den Schrank und wartete – ja, worauf? – wahrscheinlich auf eine Idee. Diese kam in Gestalt von Jane, einer Schneiderin, die für uns hin und wieder Gardinen näht oder Reißverschlüsse repariert. Als sie vor einer Woche mal wieder bei uns war, erinnerte ich mich an das Ex-Lieblingshemd, zog es aus dem Schrank und drückte es ihr mit den Worten in die Hand, sie möge doch irgendeinen Flicken – oder so – auf den Riss nähen, ihr fiele doch bestimmt etwas passendes ein.

Investment-Banking vor dem Frühstück

Würden Sie diesem Mann ein neues Taxi kaufen? Vielleicht schon, aber warum denn bloß? Geduld, die Antwort kommt gleich. Auf dem Rückweg vom grantigen Österreicher (heutiges Motto: „immer diese Sch… Diesel!“), der den Service für unser Auto erledigt, gehe ich von der Werkstatt zur nächsten Straßenecke und nehme mir eines der Taxis, die dort stehen. Es ist dasselbe wie immer: die älteste Karre mit dem ältesten Fahrer darin – Joseph.

Joseph hat mich einmal derartig beeindruckt, dass ich nicht mehr anders kann, als all die jüngeren Fahrer mit ihren viel schickeren Autos und dicken Soundsystems auszulassen und immer wieder auf ihn zurückzugreifen.

Vor zwei Jahren, als ich wieder mein Auto in der Werkstatt gelassen hatte und zur Straßenecke gelaufen war, standen dort drei Taxen. Die hatte ich schon bei der Anfahrt zur Werkstatt gesehen, und sie standen immer noch da. Das Taxi-Business an diesem Tag schien wohl nicht so recht zu laufen. Deshalb wollte ich den Fahrer nehmen, der hier schon am längsten auf einen Kunden wartete. Zwei Fahrer lehnten draußen an ihren Autos. Ich fragte, wer von ihnen drei denn der Unglückliche sei. Beide deuteten auf einen alten, blauen Toyota. Darin saß Joseph.

Die Werkstatt liegt in einem ganz anderen Teil von Nairobi. Ich musste ihm erst einmal erklären, wohin ich wollte. Wie einigten uns auf einen Preis und fuhren los. Das Auto war in einem schrecklichen Zustand, aber es fuhr, und das war das Wichtigste. Nach einer Weile musste ich Joseph Anweisungen geben – hier links, da rechts, jetzt geradeaus, dann hatten wir unser Ziel erreicht.

Beim nächsten Werkstattbesuch, ein paar Monate später, ging ich wieder auf die Straßenecke zu und überlegte mir wieder, welches Taxi ich nehmen sollte. Dabei fiel mir auf, dass Joseph nicht da war. Ich fragte die jungen Männer in ihren schicken Kisten. Der hätte einen sehr schweren Unfall gehabt. Wäre schwer verletzt. Das Auto sei Schrott. Mehr wüssten sie auch nicht.

Wieder einige Monate später, vielleicht ein Jahr, nachdem mich Joseph, das erste und einzige Mal nach Hause gefahren hatte, war er wieder da. Ich setzte mich neben ihn. Lange nicht gesehen, wie es denn ginge, fragte ich. „Oh“, sagte er, „oh, ein schwerer Unfall, ein Matatu hat mich gerammt, war wochenlang im Krankenhaus“, zog die Mütze ab und zeigte auf eine richtig große Delle in seinem Kopf.

Er setzte die Mütze wieder auf. Wir fuhren los, ich dachte noch, na, hoffentlich ist bei dem alles klar, da oben. Sein Auto war repariert worden und war noch schlimmer als zuvor. Gerade wollte ich ihm sagen, wohin ich wollte, da erwiderte er, das sei doch nicht nötig, das wisse er doch. Nach einer halben Stunde Fahrt hatten wir unser Ziel erreicht. Der alte Mann hatte sich nach einer einzigen Fahrt, die ein Jahr zurück lag, präzise daran erinnert, wo ich wohnte.

Seitdem war klar: Joseph war der Taxifahrer meiner Wahl.

Auch heute steht die alte Kiste am gewohnten Ort. Ich setze mich hinein. Er trägt wie immer seinen Nadelstreifenanzug. Wie es ginge. Oh, gut. Und der Familie? Ach, auch sehr gut. Ob er denn Kinder hätte? Aber natürlich, und sechzehn Enkelkinder dazu. Ich schweige beeindruckt. Das Auto kracht, als wir über die Bodenwellen fahren.

„Na, das hört sich aber nicht gut an“, wechsle ich das Thema.

„Ja“, bestätigt er, „ich bräuchte dringend mal ein Neues.“

Kurzes Schweigen.

„Wollen Sie mich vielleicht sponsern?“

„Sponsern?“

„Für ein gutes Auto bräuchte ich 500,000 Kenya Shilling. 200,000 würde ich für die alte Karre hier bekommen. Es fehlen 300,000. Die könnten Sie mir doch geben.“

Ich lache und denke, na klar 3,000 Euro, einfach so.

Aber Joseph meint es ganz ernst.

„Ich verdiene am Tag 2,000 Shilling. Dann brauche ich Benzin, Miete, Essen. Ich könnte 500 Shilling pro Tag abbezahlen.“

Ich rechne still vor mich hin. 500 Shilling am Tag macht 15,000 Shilling im Monat, macht 20 Monate für 300,000 Shilling.

„Natürlich würden wir einen Vertrag machen“, hakt er nach.

Ich wiege den Kopf hin und her.

Joseph merkt, dass ich zögere. Er will den Knoten auflösen: „Am besten wir überlassen es Gott. Der wird es wissen,“ sagt er.

Als wir zuhause angekommen sind, bitte ich ihn um ein Foto. Macht er gerne.
Zum Abschied winkt er: „Und denken Sie drüber nach!“

Der Wächter, der mir das Tor öffnet, freut sich: „Ach, da ist wieder der alte Joseph und sein altes Auto!“

„Ja, und jetzt will er, dass ich ihn sponsere.“

Ich kichere. Aber Collins bleibt ganz ernst.

Ich erzähle ihm die Kreditmodalitäten, so wie Joseph sie mir geschildert hat.

„Das ist eine gute Sache, Sir“ versichert der Wächter. „Viele machen das so. Und wenn er 20 Monate braucht, den Kredit zurückzuzahlen, dann zahlt er einfach ein halbes Jahr länger. Das wäre dann Ihr Profit.“

Auch der Gärtner, der sich gerade Bahn durch die Büsche bricht, meint, das sei durchaus lohnenswert.

So komme ich noch vor dem Frühstück zu einem kleinen Unternehmer-Stammtisch.

Während ich Richtung Haustüre gehe, rechne ich still vor mich hin: 20 plus sechs Monate. Das wäre ein Profit von 30 Prozent, fünfzehn pro Jahr. Gar nicht mal schlecht. Besonders nachdem ich gelesen habe, dass europäische Banken mein Guthaben demnächst mit einem Strafzins belegen wollen. Und steuerfrei obendrein.

Konsumieren soll ich wohl, auf Teufel komm raus. Den Kapitalismus fördern. Ja, wenn das so ist! Warum also nicht gleich selbst zum Kapitalisten werden, und ins Taxigeschäft einsteigen?!

Was ist das?

Ein kenianischer Astronaut nach der Landung im See? Die Ebola-Patrouille, die schon vor dem Frühstück vorbeischaut? Oder der Nachbar, der seinen eigenen Honig produzieren will und deshalb einen Bienenstock auf der kleinen Insel im Hintergrund aufgestellt hat?

Die Sache mit dem Astronauten ist übrigens gar nicht so abwegig. Seit den 60er Jahren besteht vor der kenianischen Küste ein Raketenstartplatz (auf einer alten Ölbohrplattform), von dem immerhin auch schon ein echter Satellit ins All geschossen wurde.

Ja, es is’ scho’ Weihnachten in Nairobi

Vorgestern Abend sitze ich zuhause und denke an nichts Böses, da ertönen weit irgendwo hinter der Dunkelheit Schüsse und Explosionen. Sofort habe ich verschiedenste Theorien parat: Wieder ein Angriff auf ein Shopping-Center? Der Aufstand der armen Massen gegen die stinkreiche kenianische Elite? Ein Militär-Coup? Oder einfach nur eine Schießerei zwischen Polizei und ertappten Einbrechern?

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